Situationselastisch

Market Views, 26 Aug 2023

Es gibt keinen Fahrplan.

Einmal mehr heißt es: Warten. Es gibt keinen Fahrplan für die Notenbanken. Kein Playbook, wie man in einem derartigen wirtschaftlichen und geopolitischen Umfeld agiert. Situationselastizität ist gefragt. Von den Notenbankern ebenso wie vom Markt. Das sind Aussagen von Lagarde heute beim Jackson Hole Economic Policy Symposium. Bereits am Eröffnungstag sorgten die Aussagen zweier Fed-Mitglieder für rote Zahlen an den Börsen: Sie legten keinen Kurs für die (erhofften baldigen) Zinssenkungen in den USA fest. Die EZB hält an den hohen Zinsen fest, bis die Zielinflation erreicht ist.

Powell hat in seiner Rede einmal mehr postuliert, dass die Fed ihre Zinsentscheidungen auf ihrer Bewertung der Wirtschaftsdaten fußen wird. Das ist nicht neu und er sagt auch nichts anderes, als seine Vorredner, aber die Makrodaten werden vom Markt als hinreichende Grundlage für einen Stop der US-Zinsschritte interpretiert. Das „soft landing“ scheint in greifbarer Nähe, der Boden gebildet.

Diese Marktmeinung zeigt sich unter anderem in der US-Zinskurve, die bis Jänner 2024 nun ein stabiles Niveau aufweist. Wie schnell dann die Zinsen wieder sinken, hängt zum einen von der weiteren Entwicklung der Inflation ab und zum anderen von der wirtschaftlichen Lage – man will die Wirtschaft nicht zu früh oder zu stark wieder pushen. Powell wünscht sich dazu einen entspannteren Arbeitsmarkt (eine höhere Arbeitslosigkeit könnte den Lohndruck auf die Inflationsrate senken). Aber ob dieser Wunsch in einem US-Wahljahr realistisch ist?

Die Notenbanker weltweit fahren also weiterhin auf Sicht und agieren aus der Entwicklung der Kennzahlen heraus situativ. Die Märkte machen dieses Verhalten zwangsläufig mit. Pragmatisch und der Situation geschuldet: elastisch.

BoA: Erwartung der globalen Assetmanager

Das war die vergangene Woche

Asien

Chinas Notenbank senkt die Leitzinsen von 3,55% auf 3,45%. Zu zaghaft, befindet der Markt. Um dennoch die Bauwirtschaft anzukurbeln, werden die Vergaberichtlinien für Kredite gelockert. Damit soll nicht nur der Binnenkonsum weiter angekurbelt, sondern auch der Bauwirtschaft geholfen werden. Japans PMI steigt geringfügig weiter an. Marktbestimmend war jedoch der Tokioter VPI (Verbraucherpreisindex), der wieder auf 2,8% sinkt.

Europa

Die Erzeugerpreise für deutsche Hersteller sinken mit -6,0% stärker als erwartet. Dies ist auf die konjunkturbedingt weiter gesunkenen Rohstoffpreise zurückzuführen. Diese Konjunkturerwartung zeigte sich auch im PMI, der am Mittwoch deutlich sinkt, nachdem auch der Dienstleistungssektor mit 47,3 Zählern die expansive Zone verlässt. Das trübt das Geschäftsklima ein (ifo Geschäftsklimaindex fällt von 87,3 auf 85,7 Zähler; neutral = 100).

USA

Der US-PMI sinkt auf die Neutrallinie ab (nun bei 50,4 Zählern). Sowohl Dienstleistungs- als auch Produktionssektor zeigen eine Eintrübung der Geschäftserwartungen, jeweils um grob 1,5 Zähler. Ein Grund hierfür sind die gegenüber dem Vormonat gesunkenen Auftragseingänge für langlebige Güter. Umso wichtiger waren die Reden der US-Notenbanker beim Jackson Hole Symposium: Am Donnerstag frustrierten die Fed-Speaker, die ein baldiges Absenken der US-Leitzinsen nicht sehen. Powell postuliert am Freitag, dass die Fed weiterhin datengestützte Entscheidungen fällen wird und ein (letzter?) Zinsschritt im September noch nicht entschieden ist. Die Börsen beendeten die Handelswoche dadurch überwiegend in grün.

Was die neue Woche bringt

Das Jackson Hole Economic Policy Symposium wirkt in die neue Woche nach. Die Erholung an den US-Börsen am Freitag wird am Montag in Asien und Europa wohl nachträglich eingepreist. Viele Daten der Folgewoche sind als Hochrechnung beim Symposium bereits genannt worden und werden daher weniger Unsicherheit bei deren Interpretation auslösen.

Asien

Die Rede des japanischen Notenbankchefs beim Jackson Hole Symposium wird wenig Neues beinhalten, denn dass die BoJ bei ihrer lockeren Geldpolitik bleibt, hat sie schon im Vorfeld verlautbart. Relevant sind die japanischen Konsum- und Produktionsdaten am Donnerstag sowie der chinesische PMI. Die Daten werden geringfügig über dem Vormonatsniveau erwartet.

Europa

Die Rede des deutschen Bundesbank-Präsidenten Nagel am Montag wird die erwartete Entwicklung für Deutschland und den Fahrplan der EZB für die nächsten Monate umreißen. Der Geschäftsklimaindex für die EU wird neutral erwartet. Am Mittwoch werden die Hochrechnungen für Deutschlands Inflation (fällt voraussichtlich um -0,2%) und am Donnerstag für den Einzelhandel (steigt um 0,3% auf Monatssicht) veröffentlicht. In der EU sinkt die Inflation um voraussichtlich -0,2% langsam weiter, die Kerninflation liegt dann bei 5,3%.

USA

Der US-Immobiliensektor setzt nach der Bodenbildung im Q2 seine volatile Erholung fort. Ein Grund hierfür sind die nun wieder steigenden Immobilienpreise. Das US-BIP wächst weiterhin (+2,4% auf Jahresbasis werden erwartet), ebenso der Konsum. Entgegen Powells Wunsch nach einem entspannteren Arbeitsmarkt bleibt dieser mit 3,5% Arbeitslosenrate weiterhin unverändert und angespannt (Daten am Freitag).

Fazit

Die Inflation sinkt langsam, aber sie sinkt. Das wird in der kommenden Woche wohl die Kernbotschaft sein. Dank der generell stabilen Wirtschaftsdaten geht der Markt mittlerweile von einem soft landing aus und von nicht mehr weiter steigenden US-Zinsen. Mit diesem Kontext werden die Inflations- und Konsumdaten der kommenden Woche wohl wohlwollend bewertet. Ob der Markt letztlich Recht behält, zeigt sich erst im Oktober, wenn die Unternehmensberichte veröffentlicht werden.

Dieser Artikel ist auch im Geld Magazin und im Börse Express erschienen.

Autor: Alexander Putz

Quellen: Jackson Hole Economic Policy Symposium; Allianz Global Investors

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